Matthias Abele von Lilienberg

Der 'Bratwurstfall' aus

Metamorphosis telae judiciariae. Das ist: Seltzame Gerichts-Händel / Samt denen / hierauf gleichfalls selzam erfolgten Gerichts-Aussprüchen / zusammen getragen mit Lustigen Anmerckungen erläutert [...]. Zum Achtenmal gedruckt. Nürnberg: Adolph 1712 (EA: 1651).

"Casus VII".

Transkribiert von Eckhardt Meyer-Krentler

Man hat mich für gewiß berichtet / daß einmahl ein guter Freund seinen Nachbarn / den letzten Fastnacht-Tag / zu Gast geladen / und als endlich beede / biß in die lange Nacht / das Spielen / Essen und Trincken continuirt / seynd ihnen letzlichen / zu gebräuchigem Valete des Fleisch-Essens / Bratwurst aufgesetzt: und (weil das übrige Gesindlein / Zweifels ohne / aus Überfluß der zu sich genommenen Speiß und Tranckes / die liebe Ruhe gesucht /) beede allein gelassen worden. Welche bald hernach angefangen zu zancken / einer dem andern seinen gehabten Rechts-Handel vorzurupffen / biß endlich der Wirth dem Eingeladnen gedrohet / wann er mit dergleichen hitzigen Anzügen nicht aufhören werde / daß er ihme das nächste auf seinem Tisch liegende Messer in Leib reiben wolle. Dictum factum, dann er alsobalden / zwar ohne Merckung des andern / eine Bratwurst aus der Schüssel genommen / und solche dem Nachbarn in den Busen gestossen: Welcher dermassen darüber erschrocken / daß ihme die Seel in einem Huy ausgegangen / und er dieselbe nicht mehr erschnappen können / allermassen er dann alsobalden tod hinum gefallen / und kein Lebens-Zeichen weiter hinterlassen.

Klag

Die hinterlassene betrübte Wittib und Erben klagen bey der Obrigkeit / und bitten um Ertheilung der GOtt- und Welt-liebenden Gerechtigkeit.

Antwort

Der Beklagte entschuldigte sich / es wäre diese Bedrohung aus keinem Arglist / sondern aus lauter Fopperey wohlmeinend geschehen / er habe nicht änderst hierzu als eine Bratwurst (so keine schädliche Wehr) gebraucht. Massen dann an des Verstorbenen Leib einiges Mahl oder Kennzeichen einer angethanen Gewaltthätigkeit nicht zu finden: Daß aber denselben die übermässige Furcht und Trunck / woraus etwa ein Schlag entstanden / umgebracht / könne die Bratwurst dessen nicht entgelten / seiner Seits wäre aller Betrug / Muthwillen und böser Vorsatz gar weit gewest. Wissentlichen Rechtens aber / quod animus & intentio delinquentis distinguant maleficia; & ubi nulla voluntas peccandi, ibi etiam nulla maleficii commissio argui potest.

Replic

Es hätte der Beklagte operam rei illicitae in dem geübt / daß er den Entleibten / durch die tödtliche Bedrohungen und gleich in momento darauf gefolgtes Zustossen / mehr als zu viel geängstiget. Und weil hierauf der tödtliche Hintritt in continenti erfolgt; so seye niemand anders / als der Beklagte daran / und dahero mit gleichmässiger Lebensstraff hingericht zu werden / schuldig Qui enim operam rei illicitae dedit, in dolo est. Ubi autem dolus intervenit, ibi poena legis Corneliae de Sicar, locum obtinet; neben deme / quod metus mortis aliquando, secundum Senecam, major, quam ipsa mors fit.

Duplic. So viel die scheinbare Bedrohungen anbelangt / wäre selbe zu keinem bösen Ende sondern nur zu Verhütung ferneren Greinens und Zanckens entstanden. Ea autem, quae ad bonum finem destinata sunt, in deteriorem extorqueri partem nequeunt. Allermassen dann er eben die Bratwurst gezuckt / damit der Entleibte habe können abnehmen / daß kein Ernst / sondern nur Schertz / kein Zorn / sondern nur Vexation oder Frölichkeit dabey gewest seye: Daß er aber ihme / wider alles menschliche Verhoffen / das widrige eingebildet / müsse dasselbe GOttes Verhängnus gewest seyn. Homicidia enim, quae ex improviso casu potius quam fraude accidunt, fato plerumque, non noxae imputantur.

Bescheid

Weil der Beklagte zu dem Todesfall immediate die Ursach gegeben / als soll auch gegen demselben / dem Göttlichen Gesetz nach / unverschont verfahren werden.

Die klagende Wittib und Erben bedancken sich des gerecht-gegebnen Unheils. Des Beklagten Advocat protestirt und excipirt darwider zierlichst / mir Vor- und Einwenden / daß zwar in dem H. Evangelio Math. 26. geschrieben: Qui gladium accipit, gladio peribit. Wer das Schwerdt nimmt / der soll durchs Schwerdt umkommen. Allein findet man nirgends / wer die Bratwurst ergreifft / daß er deswegen mit dem Schwerdt gerichtet werden solle: weil das duelliren mit Bratwürsten in keiner weder weit- noch geistlicher Constitution, sondern nur das gefährliche Degengefecht verbotten. Ungehindert dessen aber ist der Beklagte mit den H. Sacrament versehen / an die gewöhnliche Richtstatt geführet / der Meister Hemmerlein an die Seiten gestellt / und ihme das Hemmet biß auf den Rucken entblöst worden. Wie nun der arme Sünder niederkniet / und nicht änderst vermeint / dann er müsse anjetzo sein Seel aufopffern. Siehe / da ziehet der Scharffrichter mit völliger furi sein Schwerdt aus / darinnen / an statt der Kopff-abschneidenden Klingen / eine lange Bratwurst gesteckt worden / und schmeisst dieselbe dem Beklagten um den Hals herum / daß sie zu etlichen Stücken gesprungen: Es ist aber der Beklagte nicht gleich / wie sein kleinmüthiger Nachbar / vor Schrecken Tods erblichen; sondern frisch und gesund aufgestanden / GOtt dem Allmächtigen hertzlich danckend / daß er ihne an dieser Bratwurst nicht habe ersticken lassen.

Utrum fictio aliquando non plus quam Veritas operetur,

Kan zwar der Entleibte fragen:

Aber der Beklagte sagen:

Quod Veritas semper praevaleat fictioni. Licet fictio in casu tantum operetur, quantum in casu vero Veritas.

Quelle der Transkription: Eckhardt Meyer-Krentler: 'Geschichtserzählungen.' Zur Poetik des Sachverhalts im juristischen Schrifttum des 18. Jahrhunderts. In: Erzählte Kriminalität. Zur Typologie und Funktion von narrativen Darstellungen in Strafrechtspflege, Publizistik und Literatur zwischen 1770 und 1920. Vorträge zu einem interdisziplinären Kolloquium. Hg. von Jörg Schönert. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Bd. 27) Tübingen: Niemeyer, S. 117–158.

Joachim Linder (Homepage). Zuletzt: 10.11.2008