[Nachweis]




Das peinliche Gericht.

Vier Uhr Morgens, grauer Himmel, und Regen ganz gewiß - - Aber der letzte Ueberrest der deutschen Oeffentlichkeit war schon einen Gang werth. Nur noch eine Stunde Leben vor sich, kam die Unglückliche zu Fuß durch die Menschenmenge, welche dürstete, ihr Blut zu sehen. Man sagt, der ihr zugedachte Wagen habe die rechte Zeit versäumt vor dem Criminalgefängniß vorzufahren. Also eine neue Demüthigung noch am Morgen ihres Todes aus einem Versehen. Sie stieg allein und ohne Unterstützung die Rathhaustreppen herauf. Das helle, gräuliche Kleid, das mißfarbige, mattroth durchwirkte Halstuch, das in der abgemagerten Hand gefaltene weiße Sacktuch - wahrhaftig dasselbe unbewegliche Bild, wie vor dem Gerichte in Eßlingen, auch nicht um eine Linie verändert. Dasselbe undurchdringlich kalte, blasse, marmorne Gesicht. Die Stadt Stuttgart ist auf einmal von Bewunderung über den Todesmuth der Verbrecherin voll. Ich meines Orts gestehe, von den verschiedenen Verbrechern, die ich bis jetzt zu sehen Gelegenheit hatte, hat sie allein selbst in diesem ihrem letzten Unglück auch nicht einen Funken von Sympathie in mir erweckt. Was mich ergriff, war allein, daß es eines Weibes zerbrechliche Gestalt war, an dem das Gesetz seine Sühne nahm. Es ist keine Frage, es war erstaunenswerth, mit welcher Ruhe dieses Weib die vorgelesene Beschreibung eines schuldvollen Lebens, die feierliche Verkündung des Todesurtheils, den ihr mit den fürchterlichen Worten zu Füßen geworfenen Stab: »Ihr habt Euer Leben verwirkt, Gott sey Eurer Seele gnädig« und die Uebergabe an den Nachrichter endlich ertrug. »Gottlob,« sagte sie mit leichter Simme, als sie in das Armensünderstübchen trat, »so ist auch dieses vorbei.« - (Hier kann ich nicht umhin nebenbei zu bemerken, wie unbegreiflich es ist, daß in der Anklageakte ein Moment übergangen werden konnte, welcher in der amtlichen Ausgabe der Lebensbeschreibung wenigstens flüchtig angedeutet ist, das Moment, welches auf einmal der Einsicht in den ganzen Prozeß eine neue und wesentliche Basis gibt, daß nämlich die Ruthardt ihren Mann in mehrere Leichenkassen gesetzt hatte). Erstaunenswerth ferner ist es in der That, mit welcher Gelassenheit sie den Ort verließ, wo ihr so eben das Todesurtheil öffentl. verkündet worden, mit welcher Leichtigkeit sie die Treppen des Wagens hinanstieg, um sofort mit dem ersten und letzten Tritt daraus auf das bald von ihrem Blut geröthete Schaffot zu steigen. Aber es sind nicht allein die Zeugen der erkannten Wahrheit, welche mit Ruhe zu sterben wissen: seine Rolle bis zum Ende auszuspielen, das versteht auch der lügnerische Geist. Eine solche Ruhe, der selbst der letzte Seufzer, die letzte Thräne versiegt ist, liegt nicht in dem Bereiche wahrhafter Menschlichkeit, geschweige denn der Weiblichkeit. Als sie in den Wagen saß, vergaß sie selbst die Etikette nicht, ließ sich auf den Rücksitz nieder, um erst auf die Bitte der Geistlichen den ihr zugewiesenen Platz einzunehmen, that freundlich mit ihnen und lächelte, als ob sie ringsum die zahllose Menge nicht bemerkte. Ja sie lächelte, zum Tode spazierenfahrend, bis zum Richtplatz, und hub da noch mit malerischer Bewegung Augen und Hände in die Höhe. Man hat allerdings ein Recht, die Consequenz eines solchen Spieles zu bewundern: aber nur versäume man nicht, über die Natur dieser Bewunderung sich die gehörige Rechenschaft zu geben. Bei ihrer Herzlosigkeit, ihrer durch die Oberfläche äußerlicher Bildung versteckten Seelenlosigkeit, bei ihrer Consequenz, die in der That ihren Grund in einem außergewöhnlichen Geiste hat, - wäre sie, in andern Verhältnissen geboren, berufen gewesen, eine jener »sozialen Stellungen« einzunehmen, in welchen Weiber von loser Sitte und intriguantem Geiste Einfluß auf die wichtigsten Staatsangelegenheiten zu erringen wissen. Sie war etwas Aehnliches in niederer Sphäre. Dem Eindrucke nach, den sie auf mich gemacht, betrachtete sie die Bretter des Schaffottes noch als Coulissen, und gefiel sich darin, wie mit Allem im Leben, so selbst mit ihrem letzten Schicksal zu kokettiren. Eine Buhlerin, wie sie durch ihr Leben war, buhlte sie am Ende selber mit dem Tode. Das aber will ich dabei nimmer in Abrede stellen, welch außerordentlicher Grad von innerer Spannkraft und geistiger Fähigkeit dazu gehört, um eine solche Rolle auszuspielen, die Rolle der mit Heroismus übertünchten, geistgleissenden Lüge, welche im Großen freilich das Symbol der modernen Gesellschaft ist. Sie hat es gethan, und wird darum in der Geschichte der Verbrechen Epoche machend bleiben. - Doch möchte ich nicht ungerecht seyn, und es folgt deswegen hier von einem anderen Referenten, welcher Augenzeuge der Enthauptung war, eine andere Darstellung, welche die Sache mit ganz anderen Augen betrachtet. A. W. [ = Adolph Weisser]



Hinrichtung der Rudhardt.

Ich will eine Blume auf das Grab einer Verbrecherin legen. Das Gesetz hat sie verurtheilt. Es gibt noch Etwas über dem Gesetz, das urtheilt auch, - das urtheilt anders. Das Verbrechen hat sie weit von uns gerissen, das Unglück bringt sie uns wieder nah. Nicht jedes Gesetz ist Ausfluß der ewigen Vernunft. Wer möchte die Vernunft so bitter kränken? Auch das Gesetz kann irren.

Es ist bekannt, daß ihr am 25. Juni das Todesurtheil verkündet wurde. Sie empfing es mit einer Ruhe, die sie im Kerker nie verlor. »Sie werden sehen«, sprach sie, »ich werde mit Muth und Würde sterben!« Mit denselben Worten schied sie von ihrem Anwalt. Und sie hat ihr Wort gehalten. Der Anblick solchen Todes kann irre machen am Verbrechen oder an der Gerechtigkeit. Mich hat er nicht irre gemacht. Aber für mich bedarfs auch so warnender Scenen nicht. Die Unglückliche - und wer ist unglücklicher als der Verbrecher? - hatte in einem Kerker, der in der Kammer eben nicht als ein Eldorado geschildert wurde, lange des Urtheils geharrt. Das Gesetz war hart; aber die es vollzogen, thaten nur ihre Pflicht. Ich hätte noch mehr gethan: ich hätte ein Gesetz nicht vollzogen, das ich für ungerecht hielt; aber ich bin ein Thor: ich verstehe oft die Gesetze nicht. - Man verkündete dem armen Weibe den Tod drei Tage früher, eh er vollzogen wurde. Sie sollte Zeit gewinnen, sich zu fassen und mit Gott auszusöhnen. In Frankreich ist man weniger barmherzig; aber es war gerecht und christlich. Sie muß ein starkes Weib gewesen seyn. Mich hätten die Gespenster meiner Phantasie, die Teufel meiner Angst mit tausendfacher Qual gefoltert, ich war Millionen Mal gestorben. Sie nicht; sie schlief ruhig jede Nacht. Zwei Männer standen Tag und Nacht mit blanken Säbeln neben ihrem Lager, die Sorgen weg zu scheuchen, oder zu verhindern, daß kein Dieb das längst verfallene Leben stahl. Wie menschenfreundlich. Was hätt' ich Alles bei den Säbeln für schlimme Gedanken gehabt. Ich leide an den Nerven. Ich bitte, denkt nur, drei lange Tage, zwei finstere Nacht im Todeskampf. Aber sie trugs geduldig.

Heute in aller Früh führte man sie aufs Rathhaus. Sie war schon einmal im Kerker getödtet. Hier starb sie nun zum zweiten Mal. Man nennt die Procedur das hochnothpeinliche Halsgericht oder das Stabbrechen; eine Sitte aus alter Zeit, da der Mensch noch erst ein halber Mensch und das Gesetz eine Furie war. Auch hier starb sie bewußt und fest. - Nun ward sie der hungrigen Menge vorgeworfen, sie sollte ja ein Popanz ihrer Neugier seyn. Das Gericht war vollkommen von dem Unwürdigen eines solchen Schauspiels überzeugt, es fühlte, wie unmenschlich es sey, eine Unglückliche zum öffentlichen Spiel zu machen. Aber wer konnte es hindern? Schon acht Tage vorher war der Tag der Hinrichtung verrathen. Zur Vorsicht ließ man sogar am Abend vorher öffentlich ausrufen, daß Niemand seine Kinder am folgenden Tage vor und nach der Hinrichtung der Rudhardt d i e u n d d i e Straßen passiren lassen möchte. Dem ohngeachtet schließt das Volk daraus, daß an dem folgenden Tage die Hinrichtung sey, und daß der Zug die und die Straßen passire. Das war ein naseweiser Schluß; aber er wurde doch gemacht.

Zahlloses Volk folgte dem Zuge. Niemand verhöhnte die Unglückliche. Das Volk war viel zu edel. Im langsamen Zuge fuhr sie stets ruhig und oft freundlich lächelnd fort. Dem Unglücklichen kommt der Tod stets zu früh; drum war es gut, daß der Weg lang war. - Schon um 3 Uhr waren die Straßen Stuttgarts lebendig geworden. Lachende Massen, als gings zu einer Komödie, zu einem Vogelschießen, zogen nach dem Hochgericht. Dort sammelten sie sich und lagerten sich in unübersehbaren Haufen an den Bergen hinauf. Der Ort konnte in der That für die Zuschauer nicht günstiger gewählt seyn. Man rechnete auf Theilnahme. Zur Ehre des Alters muß ich sagen, ich sah eine einzelne alte keuchende Frau; sonst Alles Jugend, Knaben vom achten Jahre an, zarte, hübsche Mädchen durchgängig von der niedern Klasse. Außer mir, den hier eine traurige Pflicht bannte, waren wenige Gebildete zugegen. Die Vorarbeiten auf dem Richtplatz hatten etwas Schauerliches, aber sie störten keineswegs die muthwillige Laune der Menge. Eine ernste Rührung, eine tiefere Wirkung konnt ich in dem Publikum nicht entdecken und leider hat mein Abscheu gegen die Abschreckungstheorie, den ich hier zu kassiren gedachte, nur neue Nahrung gefunden. Vor und nach dem Tode blieb Gelächter und lustiges Gemurmel die einzige Aeußerung dieses so hoch in seiner Wirkung angeschlagenen Schauspiels. Es wurden sogar auf dem Hochgericht Possen mit dem vorzunehmenden Akt getrieben und sehr lebhaft aufgenommen.

Endlich erschien der Triumphzug der Themis. Ich dachte ihn mir ernster und würdiger. Glänzende Uniformen zogen vorauf. Dann hielt der Wagen mit der Delinquentin an der Stiege des Gerüstes. Sie saß aufrecht darin, that einen flüchtigen Blick nach dem Richtplatz hinauf, sprach wenige Worte mit dem Geistlichen, hob sich rasch und hoch empor und verließ den Wagen. Beim Aussteigen strauchelte sie ein Wenig über ihr Kleid, sie hob es aber sogleich auf und stieg geleitet vom Scharfrichter die Stiege hinauf. Es wäre wohl menschlich gewesen, wenn sie der Geistliche bis zu dem Stuhl geführt. In ihrer Bewegung war noch immer Kraft, wenn auch eine gebrochene. Die Todesschauer rieselten ja bereits durch ihre Glieder. Sie behielt den Körper in ihrer Gewalt. Als sie vor dem Schemel stand, faltete sie die Hände und that einen langen und letzten Blick in den Himmel. Es war eine Klage gegen die Menschheit. Mich traf sie nicht, aber ich habe lange nichts Schmerzlicheres gesehen, als diesen Blick. Dann setzte sie sich nieder, rückte fest hinein in den Schemel und während sie mit klarer Stimme das Nöthige anordnete, steckte sie die Hände, wie es schien mit einigem Unwillen, in die Bande. - Ein Augenblick. - Der Gehülfe faßte den mit einer Kappe bedeckten Kopf - »Halt!« schrie eine laute Stimme aus der Menge. »Halt!« wiederholte es. - Es war der Ruf eines mitleidigen Menschen, der Angstschrei des Volks. - Schon war der Streich geschehen. Ein geschickter Streich und nicht der schlech­teste, den man ihr gespielt. - Noch blieb der Leib fest sitzen, neigte sich dann und zwei helle rothe Blutsquellen sprudelten in die Luft hinauf, lustig, als freuten sie sich der Erlösung. Wer es verstanden hätte, was sie sangen. Mir klang es wie eine Interpretation des Artikels 237 des Strafgesetzbuches.

Ich hätte gewünscht, die Gesetzgeber, die mit leichten Federkielen Leben tödten, die Männer, die das Strafgesetz gemacht, von dessen Stamm so eben eine Blüthe fiel, wären hier gewesen und hätten ihr Ohr an die Brust der Sterbenden gelegt. Doch sie haben's schon verstanden. Ein Geist der Milde und der Gerechtigkeit ist über sie gekommen. Sie haben ihre Sünde selbst bekannt und ein Gesetz verwünscht, das sie gebilligt. Das war eine edle, große Schaam, würdig dieser Kammer. Ob dann auch noch einzelne Stimmen aus der rothen Erde Westphalens dem Henkerbeile huldigen, man hört sie nicht oder mit Bedauern, sonst möchte der Strafgesetzentwurf der Eisenbahn ein würdiger Appendix zum blutigen Strafkodex geworden seyn. Aber er ward es nicht, wenn er sich gleich aus dem Konsequenzen-Wahn noch nicht ganz losreißen konnte.

Nachdem der Leib in den Kasten gelegt, erhob sich ein Geistlicher. Ich hörte nur etwas von einem »ewigen Tode,« das raubte mir die Besinnung. Und als ich wieder zu mir selber kam, da löste ein sanfter Regen die Menge. Alles kehrte heim wie es gekommen, nur Eine nicht. - Von einer moralischen Wirkung auf die Menge habe ich nichts gesehen. Eher möchte ich glauben, daß Entsittlichung die Folge eines Schauspiels ist, wo man Spott mit dem Elend treibt, und eine Sünderin als Heldin endet. Wenn wir den wahrhaft stoischen Muth dieser Frau kritisiren, so zweifeln wir billig, daß er das Produkt eines Uebels sey. Das war kein äußerer Geist, das war der Menschengeist, der an dem unerbittlichen Geschick sich stolz erhebt, es überwindet. Mögt ihr den Sünder lieben, geknickt und winselnd, mich freut es, wenn er muthig stirbt. Muth ist Tugend. Der Tod hat die Sünde hier förmlich paralysirt. Dem Verbrecher bewies er: der Tod sey leicht, dem Weisen sagt er: auch in der Sünde ist Kraft. Darum zweifelt dieser an der Sünde und jener lernt den Tod verachten. Wollen das die Vertheidiger der Todesstrafe? Ich zweifle sehr.

Doch der Tod dieser Sünderin läßt noch andere, tiefere Fragen zu; er wirft ein wunderbares Licht auf die Natur der Sünde und ihren Kausalnexus mit der Tugend. Es ist hier nicht der Ort, diese Frage zu zerlegen: aber der Gesetzgeber soll es. Er wird dann verstehen lernen, daß ein Gesetz, das mit dem Leben spielt, in ein höheres greift, in eine höhere Ordnung, die sich rächen muß. Erst mit der Gesellschaft entstand das Verbrechen, denn sie schuf das Gesetz. Vor ihr gab es keine Sünde, Gut und Böse waren identisch. Wenn die Gesellschaft Mutter des Verbrechens, darf sie ihr Kind strafen, das keine andere Schuld trägt, als ihr Kind zu seyn, was ihre Schuld nicht ist? -Der Staat hat das Recht, die Interessen des Einzelnen gegen Eingriffe zu sichern. Zu sichern - weiter nichts. Was über den Umfang dieser Maaßregel hinausgeht, ist Strafe, Rache, die darf das Gesetz nicht üben. Hier that es das Gesetz, denn es gab noch Sicherungsmaaßregeln außer dem Tode. Es that aber noch mehr, es hob durch den Tod die Möglichkeit auf, die Schuld zu tilgen. Genug von diesem blutigen Spiel. Das Kopfabschneiden tödtet die Hydra der Verbrechen nicht. Setzt Köpfe auf, das wird besser seyn, das heißt, bildet das Volk. Lehrt ihm in klarer einfacher Form sein Recht und seine Pflicht verstehen. Das Unverständliche verwirrt und was ich nicht begreife und muß es fassen, das macht mich toll oder zum Heuchler, die erste Phase der Verbrechen. Und Unbegreifliches ist in dem Rechte wie in der Religion. Das Recht ist so einfach, der Mensch erhält es im Instinkt. Die Jurisprudenz hat es zu einem Labyrinth verwirrt, aus dem der gesunde Verstand nicht mehr den Ausgang findet. Das ist die nächste Quelle der Verbrechen; es gibt noch andere.

Ein neues Opfer auf dem Altar der durstigen Themis; möcht' es das letzte seyn! Jahrhundert der Humanität, Land der Milde und der Weisheit, laßt eure Beile endlich ruhen. Einst wird die Geschichte erröthend auf unsere Tage deuten. A. S. [= Anton Springer? Adolph Sterr?)

zuletzt am
11.01.07

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Nachweis:
Der Beobachter. Ein Volksblatt aus Württemberg. 28.6.1845, S. 730-732. Transkribiert und publiziert in Linder, Joachim und Jörg Schönert, 1983. "Ein Beispiel: Der Mordprozeß gegen Christiane Ruthardt (1844/45). Prozeßakten, publizistische und literarische Dastellungen zum Giftmord," in Literatur und Kriminalität. Die gesellschaftliche Erfahrung von Verbrechen und Strafverfolgung als Gegenstand des Erzählens. Deutschland, England und Frankreich 1850–1880, Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Bd. 8. Tübingen: Niemeyer, pp. 239–359.