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Notizen und Texte



Merkwürdige Rechtsfälle vorgetragen und herausgegeben von Paul Joh. Anselm Feuerbach.. 2 Bde. Giessen: Tasché und Müller 1808/11.


Inhaltsverzeichnis, mit kurzen Annotationen zu und aus den einzelnen Darstellungen. Die Titel der Fälle, in denen Feuerbach den Begnadigungsantrag ablehnt, sind unterstrichen.


1. Joseph Auermann, tadelloser Mensch und Bürger und zuletzt doch ein Mörder. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 1, S. 5-24.

Der Mensch, welcher Gegenstand dieses Vortrages und von dem Hofgerichte N** zur Strafe des Schwerds verurtheilt worden ist, gehört in die Reihe jener Verbrecher, deren Uebertretung wir lieber als Unglück bemitleiden, denn als Missethat verabscheuen, welche unser moralisches Gefühl in Schutz nimmt, wenn gleich die strenge Gerechtigkeit sie als schuldiges Opfer fordert”. (S. 5). Die Akten zeigen einen rechtlichen Bürger, der in wirtschaftliche Not gekommen ist, Schulden machen mußte um Schulden zu bezahlen und vom Opfer noch provoziert wurde: “Aus allen diesen Gründen dürfte der allerunterthänigste Antrag dahin zu richten seyn: Daß Seine Königliche Majestät geruhen möchten, gegen den Auermann Gnade für Recht ergehen zu lassen, denselben mit der Todesstrafe zu verschonen und allergnädigst zu gestatten, daß eine ausserordentliche Strafe wider ihn erkannt werden dürfe (S. 24).


2. Der Raubmörder Franz. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 1, S. 25-48.

Franz ist weder Spieler noch Trinker, aber ein Faulpelz, der vom Bettel zum Diebstahl und zum Raubmord promovierte. Er hat seine Not selbst zu verantworten, lediglich die erschwerte Vollstreckung der Todesstrafe ist ihm zu erlassen, da sie Staat und Justiz entwürdigt. "Der Raubmord gehört schon seiner Natur nach zu den gefährlichsten Gattungen des Mordes. [---] Nachsicht und Schonung würde hier den Damm durchbrechen, welcher verhindert, daß nicht noch öfter, als jetzt, diese mächtige Leidenschaft in dem Leben anderer ihren Durst zu stillen sucht. / Es würde daher der alleruntertänigste Antrag dahin zu richten seyn: daß die Todesstrafe bestätiget, übrigens aber der Antrag des Königlichen Hofgerichts auf Milderung der qualificirten Todesstrafe in die einfache des Schwerds allerhöchst genehmiget werde" (S. 48).


3. Franz Casina. Eine nächtliche Szene aus dem italienischen Tirol. Zugleich Beispiel eines in contumaciam gesprochenen Todesurtheils. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 1, S. 49-76

Feuerbach hält dieses Verfahren für besonders lehrreich; er schreibt einen Aktenauszug im Zusammenhang, zitiert nicht, weil er auf diese Weise an Anschaulichkeit gewinne (S. 51).


4. Franz Fronza, der zweyfache Raubmörder. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 1, S. 77-86.

Die oberste Justizstelle in Ulm sendet mittelst Bericht vom 17ten April nebst Akten das Straferkenntniß, welches über Johann Fronza ergangen, zur allerhöchsten Bestätigung ein. Dieser Johann Fronza ist in drey verschiedenen Instanzen, [...] zur Todesstrafe des Strangs verurtheilt (S. 79). Ein Straßenräuber, den nicht die Not zu seinen Taten gebracht hat. “Die von ihm angegebene Entschuldigung, daß er durch schlechte Gesellschaft üble Grundsätze eingesogen, kann seine Schuld nicht mindern und ihm bey solchen Thaten weder zur Retttung dienen vor dem Richterstuhl noch vor dem Throne des Begnadigers. Denn noch kein Verbrecher wurde als Bösewicht gebohren, sondern er muste es werden; doch ist auch noch kein Mensch es geworden, als durch sich selbst und durch eigne Schuld. Das Recht der Begnadigung wäre nicht das schönste und heiligste Vorrecht des Regenten, wenn es gebraucht würde, um menschlichen Tigern eine Zuflucht gegen das Schwerd der Gerechtigkeit zu seyn” (S. 86).


5. Johann Hahn tödet seine von ihm schwangere Geliebte. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 1, S. 87-110 »Am 21ten August 1806 geschah dem Langerichte Hipoltstein die Anzeige, zu Mekenhausen habe man in dem Seßlerischen Hausgarten früh um 5 Uhr die Barbara Fischbachin ermordet gefunden« (S. 89). Der Täter ist, nach einiger Untersuchung, geständig, doch kann Feuerbach aus den Akten nicht entscheiden, ob der Mordtatbestand erfüllt ist, der Planung und ‘Prämeditation’ erfordert.


6. Johann Schneider, Mörder seiner Ehefrau. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 1, S. 111-124.

Am 2ten April 1807 erschien der Bauer Isidor Hartinger von Gumpenreith vor dem Landgericht Schönberg und erzählte, daß in der verwichenen Nacht sein Innweib die Katharina Schneiderin, die erst vor 8 Wochen mit noch lebenden Zwillingen entbunden worden, in ihrer Wohnung grausam ermordet” (S. 113). "Seine Ehefrau belästigte ihn zwar mit Vorwürfen, ihr Betragen gegen ihn war zuletzt sogar in emfpindliche Härte übergegangen: aber beyds war durch ihn selbst verschuldet, es stand bey ihm, die häuslichen Zwiste beyzulegen, sobald er sich bequemen wollte, seine Trägheit, sein Vagabunden- und Bettler-Leben abzulegen und ein rechtschaffener Ehemann und Vater zu werden, wie sie rechtschaffene Ehefrau und Mutter war" (S. 123).


7. Mathias Lenzbauer, der Brudermörder. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 1, S. 125-176.

Bey dem Landgericht Burghausen geschah am 11ten Junius 1807 von einem Bauern aus Altenötting die Anzeige, er habe in de Frühe um 4 Uhr, als er eben zu Holzarbeiten gehen wollen, in dem Oettinger Walde ungefähr 50 Schritte vom sogenannten Fürstenwege zunächst am Gehsteige einen toden Knaben liegen gefunden, dessen Bauch aufgeschnitten sey und dem die Gedärme heraushiengen” (S. 127).

Der Stiefbruder wird überführt und ist geständig, die familiären Verhältnisse waren nicht so, daß den Kindern normorientiertes Aufwachsen möglich war. “Sobald der Mensch die Bande der Menschlichkeit zerrissen und die Schranken der Natur mit frevelhafter Hand durchbrochen hat, dann hält ihn nichts mehr auf; er wird, nicht blos in moralischem, sondern auch psychologischem Sinne, zum Thier, das zuletzt in seinen eigenen Greueln sich gefällt und von Unthat zu Unthat selbst über die Schranken seiner Verstandeszwecke hinauseilt, dem zahmen Löwen gleich, der, wenn er frisches Menschenblut gekostet hat, in seine Wildheit zurückfällt und wider alles, was sich ihm nähert, in wollüstigem Blutdurste wüthet [...]”.


8. Lorenz Simmler, der Brandstifter aus Neid und Haß gegen seinen glücklicheren Bruder. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 1, S. 177-194.

"In der Nacht vom 10ten August um 1 Uhr, brach in dem Hause des Bernhard Rapp, Bauern in Kirchdorf, eine Feuersbrunst aus, welche in kurzer Zeit Haus, Stadel und Stallung mit der ganzen Winterfrucht, einem Theil der Sommerfrucht, drey Pferden und zwölf Stück Rindvieh, nebst beynahe allem Hausgeräthe in Asche legte und einen Schaden stiftete, welcher von dem Verunglückten auf 3354 Gulden eidlich geschätzt wird" (S. 179). "Der Täter selbst zeigt sich als ein sehr verworfener, bösartiger Mensch" (S. 192), "Die Bewegungsgründe, welche ihn zu dem Entschlusse brachten, die väterliche Wohnung, seine ehemalige Heimath, anzuzünden, waren Haß, Rachsucht und Neid gegen seine wohlhabenderen Verwandten, besonders Rachsucht und Neid gegen seinen Bruder Franz Simmler. Diese Motive ergeben sich deutlich aus seinen eignen Geständnissen, und sind in die Geschichte seines Lebens innig verflochten" (S. 183). "In einer noch nicht ganz verwilderten Seele erlöschen die Leidenschaften unmittelbar mit der vollbrachten That und gemeiniglich folgt dann die Reue dem Vollbringen nach. Nicht so bey dem Inquisiten, der nicht zufrieden, den Brand erregt zu haben, in der Nähe hinter einem Busch dem Feuer mit Schadenfreude zusieht, und erst dann befriedigt davon geht, nachdem das Haus in Schutt und Asche zusammen gesunken ist" (S. 193 f.).


9. Die vier Räuber und Diebe Franz Paul Seidel, Georg Philipp, Johann Mißbichler und Kaspar Schlögl. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 1, S. 195-240.

Kompilation der einzelnen Fälle (vgl. Müllner!).


10. Andreas Bichel der Mädchenschlächter. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 2, S. 1-30.

"Eine menschliche Seele ohne alles menschliche Gefühl, Verbrechen, die an Grausamkeit, Tücke, Kaltblütigkeit das Höchste erreicht haben, was des Menschen Wille zu erreichen vermag: - diese sind der Gegenstand dieses Vortrags. Ich bedarf aller Kräfte der Selbstüberwindung, um bei dem empörten Gefühl schwer beleidigter Menschheit, jene Ruhe zu bewahren, welche die Pflicht des Amtes von mir fodert" (S. 3). "Wenn dieser Bösewicht den Tod der Gerechtigkeit nicht stirbt, wer sollte dann noch den Tod verdienen können? / Gleichwohl finde ich micht bestimmt, auf Milderung der zuerkannten Todesstrafe allerunterthänigst anzutragen, – nicht um des Verbrechers willen, dessen Schandtat moralisch erwogen größer ist, als jede mögliche Strafe; aber um des Staates willen, welcher, wenn er in Grausamkeit der Strafen mit der Grausamkeit der Verbrecher zu wetteifern unternimmt, sich selbst in den Gemüthern seiner Unterthanen unersezliche Nachttheile bereitet" (S. 30).


11. Louis Christian von O** der Brudermörder aus Enthusiasmus für eine Handlungsspeculation. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 2, S. 31-72.

"Ludwig Christian von O** gerieth im Jahre 1800 wegen Brudermordes in Untersuchung, und wurde von der ehemals Preußischen Regierung in Ansbach verurtheilt, daß er seines Adels verlustig erklärt, ohne Begleitung eines Geistlichen in seiner Kerkerkleidung zum Richtplatze geschleift, daselbst mit dem Rade von oben herab hingerichtet, sein Leichnam aber auf das Rad geflochten, und die Pistole, womit er den Mord verübt, an dem Pfahl befestiget werden solle" (S. 33).


12. Graf D**. Merkwürdiges Beispiel der Kabinets-Justiz aus frühern Zeiten. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 2, S. 73-104.

"Von Seiner ** Durchlaucht bin ich aufgefodert, die Frage zu beantworten: ‘ob Graf D**, welcher seit dreizehn Jahren in schwerer Gefangenschaft sich befindet, nach rechtlicher Ordnung verurtheilt worden sey? und ob er diese Strafe verdient habe oder nicht? Hätte ich als Mensch blos über den Menschen zu urtheilen, so antwortete ich unbedenklich, Graf D** habe diese Strafe verdient§ (S. 75). Aber: "Kein Unterthan, wer er auch sey, und welche Beschuldigungen ihn treffen mögen, darf anders, als von seinem gehörigen Richter unter den gesezlichen Formen verurtheilt werden" (S. 90). Und wenn so der Graf nicht rechtlich verurteilt ist, kann gefragt werden, ob seine Gefangenschaft polizeilich begründet ist: "Diese Behauptung eines Rechtes der Staatsgewalt, die Rechte der Bürger ohne Recht aufzuheben, – diese Behauptung einer Polizei, welche höher als die Justiz, die Person des Unterthans dem Schutze der Gerechtigkeit aus eigener Machtvollkommenheit entziehen, aus polizeilicher Nothwendigkeit das juridisch Unerlaubte begehen und um das Wohl des Ganzen zu sichern, die Sicherheit aller Einzelnen durch die Oberherrschaft der Willkür aufheben dürfe" (S. 101) – muß verneint werden. Also schlägt Feuerbach vor, den Grafen zu entlassen.


13. Georg Rede. Ein merkwürdiges Beispiel richterlicher Uebereilung. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 2, S. 105-146.

"Das Langericht zu B* sendete am 10ten Julius 1806 die Untersuchungsakten wider einen gewissen des Mordes angeschuldigten Georg Rede zum Hofgericht X* in der Absicht ein, um von diesem Obergerichte bestimmte Verhaltungsbefehle über das weitere Verfahren zu erhalten; denn, sagte das berichtende Landgericht, es habe bisher weder Confrontation noch ein anderes medium eruendae veritatis anzuwenden sich erlauben dürfen, und die ganze Lage der Akten, so wie das hartnäckige Läugnen des Delinquenten lasse kein freiwilliges Geständniß hoffen, wiewohl die vielfältigen ganz übereinstimmenden eidlichen und gerichtlichen Erfahrungen über die Wahrheit der Anschuldigung keinen Zweifel übrig lassen schienen" (S. 107).

Die Prüfung der Zurechnungsfähigkeit endet mit strafrechtlicher Lossprechung aber psychiatrischer Verwahrung.


14. Simon Stigler der Mörder aus eingewöhnter (habitueller) Rachsucht. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 2, S. 147-174.

"Am 30ten November des Jahres 1800, Nachts nach 11 Uhr, ereigneten sich in dem Wirtshause zu Pleßöd folgende Begebenheit" – nämlich eine Rauferei mit Todesfolge. Der Täter entkommt und wird erst nach acht Jahren vor Gericht gestellt und verurteilt.

"Der Verbrecher, der nun ohnehin schon alles für sich verloren sieht, will wenigstens dem verhaßten Untersuchungsrichter, der ihm so viele böse Stunden gemacht hat, nicht noch obendrein die Freude schenken, seine Absicht erreicht zu haben; oder er hoft, indem er sich als Märtyrer gebährdet, vielleicht noch in dem Gemüthe seiner Richter einen beunruhigenden Zweifel über seine Schuld oder Unschuld zurückzulassen, und sich auf diese Weise noch seines Todes selbst gewissermaßen als Werkzeug der Rache bedienen zu können" (S. 174).


15. Michael Kiener. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 2, S. 175-194.

Am 7ten Februar gegenwärtigen Jahres (1810) gegen Mittag giengen zwei Männer aus Oedmiesbach von Zeirieth nach Pilchau, einer Getreidlieferung wegen. Auf dem Rückweg, in der Nähe des sogenannten Steingerümpels, einer tiefliegenden, von Steinen bedeckten, mit Gebüsch bewachsenen Plazes, bemerkten sie dieFährte eines Marders (S. 177) – sie verfolgen die Fährte und finden eine Frauenleiche – und Kiener wird als Täter ermittelt: "Michael Kiener ist zwar erst zwanzig Jahre alt. Aber dieses Alter kann ihm zu keiner Milderung gereichen. Wäre er sogar noch in der Unmündigkeit, so würde seine Bosheit das Alter erfüllen. Sein Verstand und sein Charakter sind reif. Bei noch jungen Jahren ist er schon ein vollendeter Bösewicht. Die Gerechtigkeit fodert seinen Tod. [...] " (S. 194).


16. Kaspar Frisch der Raubmörder aus Eitelkeit. In: Feuerbach 1808/11, Bd. 2, S. 195-214.

"Am 17ten July des laufenden Jahres machte der Jude Parnas Samuel bei dem Königlich Baierischen Fürstlich Wallersteinischen Untergericht Harburg die Anzeige, der Schulklopfer Joseph Samuel Landauer sey Tags vorher nach Brünsee gegangen, und gegen seine Gewohnheit nicht zur Schule gekommen. Sein Knecht David Levi und Andreas Boländer hätten ihn gesucht, und endlich unweit des Wöllwarther Schlößchens erstarrt gefunden" (S. 197). Bei der Leiche werden Schuldscheine gefunden, der Täter wurde demnach schnell ermittelt, doch das Motiv für den Raubmord muß psychologisch erklärt werden, wenn man ausschließen will, daß der Täter noch Helfershelfer hatte. Ob Droste-Hülshoff die Darstellung kannte, weiß man nicht.


17. Der Mörder Joseph Zellner. Ein Beitrag zur Lehre von Berichtigung des Thatbestandes der Tödung.

In: Feuerbach 1808/11, Bd. 2, S. 215-234. "Der Inquisit Joseph Zellner, ein Bursche von neunzehn Jahren, ist der Sohn von Tagwerkerleuten in dem Dorfe Zell, Landgerichts Regen". Angesichts des Verhältnisses zwischen Täter und Opfer ist die Erfüllung des Mordtatbestandes fraglich, also plädiert Feuerbach für Begnadigung.


zuletzt: 24.08.08